marx - electronic music theater
Das Theater kann als Ort der Freiheit Utopien von Wahrnehmung und Erleben in der Zeit simulieren, denn der mit den Reproduktionszwängen verbundene lineare, abstrakte Zeitbegriff beherrscht weiter die Strategien der Zukunftsgestaltung. Die Entwicklung von MARX ist daher auch vom Ansatz her „prozessorientiert“, spiegelt ihre Entstehungschronologie nicht in einer konzeptuellen Vorstruktur wieder, sondern in einer kontinuierlichen Aufladung der Mitwirkenden von Materialien, die in der Aufführung – dem künstlerischen Arbeitsvorgang – ausgegeben werden.
Die Elemente dieses Musiktheaters sind in erster Linie Sprache und elektronische Klangerzeuger. Loops und Gesten. Die Sprache dient dazu, vorhandene Textreservoirs hörbar zu machen, sie „abzuarbeiten“. Sprachkaskaden, Sprechloops, Redegesten. Zusehen beim Arbeiten mit Klang. Arbeiten in der Kunst (aus ökonomischen Gründen) wird hier zum Inhalt. Reduktion und Minimalismus zur ästhetischen Prämisse.
Arbeitsprozesse sind letztlich an materielle und energetische Voraussetzungen gebunden und erhalten ihre surplusschaffenden Potenzen nur durch lebendige Arbeit (durch das Anzapfen der schöpferischen Praxis von Menschen als Subjekten). Ihre Dynamik wurde angetrieben durch nicht qualitativ bestimmte, sondern abstrakte Wert-Verwertung (Kapital: definiert als in Arbeitsprozessen mehrwertheckender Wert). Letztere überschreitet in der Gegenwart die Voraussetzungen und Potenzen der konkreten Arbeit.
Für die Bühnenraumgestaltung von MARX werden Fragen von gestalteter Nichtgestaltung, das Beobachten und den Einsatz bzw. das Benutzen vorgefundener raumspezifischer Beschaffen- und Besonderheiten, künstliches aber auch natürliches (vorgefundenes) Licht, minimale Eingriffe in die gegebene Raum-Architektur Ausgangspunkt und Gegenstand der plastischen Arbeit sein. Visuelles Zentrum sind die „Werkbänke“, die Schreib-, Sprach- oder Arbeitsplätze der Darsteller, Akteure, Musiker und deren komplexe Audio-Verkabelungen miteinander, Mikrophone, Soundprozessoren, Musikinstrumente, Papierstapel, Noten, Texte, Trinkgläser, Wasserflaschen usw. Diese funktionalen Werkstätten samt ihrer Bediener/Arbeiter werden als Objekte (ready mades) hell ausgeleuchtet und ausgestellt.
Aufgeführt wurde dieses Musiktheater bisher Mitte November 2002 im WUK-Theater im Rahmen von Wien Modern 2002, Ende Jänner 2003 im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt und Anfang Juni 2003 beim Open Ohr Festival Mainz. Parallel zur Bühnenproduktion MARX entstand eine CD gleichen Titels in Kooperation mit dem DeutschlandRadio Köln.
Biografien
Oliver Augst ist Performance-Künstler, Sänger, Komponist, Hörspielproduzent, Kurator sowie studierter Bühnenbildner.
Auf dem Label FPM erschien 1998 die CD Blank mit Rüdiger Carl und Christoph Korn, daneben gründete Oliver Augst die Technoise Band Freundschaft und arbeitete mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) oder dem amerikanischen Künstler Raymond Pettibon (Dokumenta11) zusammen. Darüber hinaus ist Oliver Augst als Dozent für Klang und Raum an der Kunsthochschule Offenbach (HfG) und für Ästhetik und Kommunikation an der University of Applied Sciences Frankfurt tätig. Er lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und ist Vater einer vierjährigen Tochter. Radikale Theaterformen, experimentelle Musik und Unterhaltung auf höchstem Niveau in einem „Rhythmus der Abwechslung“ (J.L.Barrault)
Marcel Daemgen - seit 1989 freischaffender Komponist, Produzent und live-Musiker in den Bereichen elektronische Musik, noise- und Popmusik.
Klassische Musikausbildung mit Schwerpunkt Klavier und Studiotechnik.
Zahlreiche CD-Veröffentlichungen mit den Gruppen „freundschaft“ und „arbeit“.
Musik für Ballett, Film und Theater.
Mitglied des Labels, Performance- und Internetprojekts TEXTxtnd.
Christoph Korn – geb 1965. Komposition, Gitarre, Live Elektronik
Christoph Korn studierte Politologie, Philosophie, Pädagogik in Frankfurt/M.
In den 80er Jahren politische Arbeit in autonom-anarchistischen Kontexten. 1988/89 soziale und gewerkschaftliche Arbeit mit Straßenkindern in Rio de Janeiro, Sao Paulo und Acre. Seit Anfang der 90er Jahre erste künstlerische Arbeiten, in den letzten Jahren vor allem Auseinandersetzung mit SPRACHE (Archiv, Repräsentation, Geschichte, Diskurs, Klang). Christoph Korn arbeitet in und mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen: Performance, electronic music theatre, Hörspiel, Installation, WEB-Projekte, Filmmusik, Texte.
Christoph Korn kuratiert zusammen mit Oliver Augst und Rüdiger Carl das „pol Festival“, Künstlerhaus Mousonturm/Frankfurt.
Thomas Désy - nach Studien an der HS für Musik in Wien Musiktheaterarbeit beim „Totalen Theater Wien“ 1988 – 1995, „KlangArten – Neue Musik und ...“ 1989 – 1994.
1995 Gründung von ZOON Musiktheater: „Un tramonto senza sole“ mit Michelangelo Pistoletto, 1996 „Beckett“, 1997 „Claude. Der Klang ist der Schatten der Handlung“ (Echoraum Wien), 1998 „Die Galle der Ostpreussen“, 1999 „Puccini. The Butterfly Equation“ (nach G. Puccini), „Kaffka!“ – (Elisabethbühne Salzburg), 2000 „NewWord is Order”, 2001 „Eurobabbal” und „El Nino”.
TEXTxtnd
1998 von den Künstlern Oliver Augst, Marcel Daemgen, Michaela Ehinger und Christoph Korn gegründet. Seitdem entstanden zahlreiche an spezifischen Themenblöcken orientierte Arbeiten. Die mediale Arbeitsweise ist dabei sehr unterschiedlich. Sie umfasst: Hörspiel, electronic music theater / Performance, Band („arbeit“), CD-Veröffentlichungen, Installationen, Film, Web-Projekte, Theater, Texte...
ZOON
1994 vom Komponisten Thomas Désy gegründet.
Zwischen Performance, Musiktheater und Medienkunst wurden neue elektronische Produktionen und „De-Kompositionen“, entwickelt, die zunehmend mit elektronischen Medien arbeiten („electronic music theater“).
Thema ist unter anderem ein komplexer Umweltbegriff, der die Beziehungen des Menschen (als zoon politikon) zu seiner Umwelt untersucht, wie sie ihm von den Medien transmutiert, codiert und historisch überliefert wird.